Streit um Außengastronomie: Schanzenbewohner wütend

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Bewohner der Susannestraße an der Ecke Rosenhofstraße vor der "Kostbar". Hier ist es besonders laut (Bilder: H. Jacobs)

Bewohner der Susannestraße an der Ecke Rosenhofstraße vor der "Kostbar". Hier ist es besonders laut (Bilder: H. Jacobs)

Seit 60 Jahren wohnt eine 87-jährige Frau in der Susannenstraße im Hamburger Schanzenviertel. Wegen des ständigen Lärms kann sie nachts nicht mehr schlafen. Als sie kürzlich am späten Abend eine Gruppe Jugendlicher durch ihr Fenster zur Ruhe ermahnt, bekommt sie folgende Reaktion zu hören: „Halt´s Maul Alte, sonst kommen wir hoch“. Das erzählt Willi van Buggenum. Er wohnt ebenfalls in der Susannenstraße und engagiert sich für die „Anwohnerinitiative Schanzenviertel“. Seit Jahren kämpft diese gegen die zunehmende Außengastronomie und den entsprechenden Lärm in der Gegend zwischen dem Schulterblatt und der Schanzenstraße.

Besonders betroffen ist die Susannenstraße. Dort wird derzeit eifrig gebaut. Parkbuchten werden aufgeschüttet, der Gehweg verbreitert und die Tische der Gastronomie Richtung Straße verlagert. Aber ist es nicht der Baulärm, der den Anwohnern zu schaffen macht. Es sind die vielen Gäste, die täglich in die Schanze strömen. Und durch die umgebauten Plätze vor den Lokalen weiter angelockt werden. Die Wut der Anwohner richtet sich vor allem gegen das Bezirksamt Altona. Die Behörde habe die Umbaumaßnahmen ohne ihre Zustimmung durchgesetzt. „Hier herrscht Chaos. Es gibt keine Struktur, die Autos parken auf den Sitzbuchten“, sagt Buggenum. Sein Vorwurf richtet sich aber auch gegen die Gastronomen. „Sie orientieren sich rein wirtschaftlich“, sagt er.


Im "Pinky Markt" ist der Wodka besonders günstig

Im "Pinky Markt" ist der Wodka besonders günstig

Carola Böttcher wohnt ebenfalls seit vielen Jahren in der Susannenstraße. Seit 2006 habe sich das Viertel stark verändert, sagt sie: „Es sind vor allem die Kioske, die bis spät in die Nacht auf haben und das entsprechende Publikum anziehen“. Einer dieser Kioske ist der „Pinky Markt“, der seit zwei Jahren neben der „Kostbar“ steht. Hier gibt es unter der Woche bis 2 Uhr und am Wochenende bis 3 Uhr nachts eine Flasche Wodka und zusätzlich eine Literflasche eines Softdrinks zu kaufen – für 9,99 Euro. Der Besitzer wehrt sich gegen den Vorwurf, er würde den Alkohol an Jugendliche verkaufen, die diesen dann auf offener Straße konsumieren und für die entsprechende Lautstärke sorgen. „Hier kommen sogar Zwölfjährige und versuchen, an Alkohol zu kommen“, sagt er. Sein Geschäft lebe aber auch von den Partygängern, die sich in seinem Laden mit Hochprozentigem versorgen. „Diese Leute haben ein Benehmen wie die Axt im Walde“, sagt Bettina Hoppmann. Sie wohnt seit 30 Jahren in der Susannenstraße. Direkt über der „Kostbar“, die im Zuge des Umbaus neue Außenplätze bekommt. „Die Laufkundschaft ist unangenehm, aber das kann ich nicht ändern“, sagt Lokalbesitzer Armin Behpur.


Bettina Hoppmann (v.l.), Willi van Buggenum und Susan Beermann von der "Anwohnerinitiative Schanzenviertel" wehren sich gegen die zunehmende Außengastronomie in der Susannenstraße

Bettina Hoppmann (v.l.), Willi van Buggenum und Susan Beermann von der "Anwohnerinitiative Schanzenviertel" wehren sich gegen die zunehmende Außengastronomie in der Susannenstraße

Um den zunehmenden „Ballermanntourismus“ zu stoppen, hat der Anwalt der „Anwohnerinitiative Schanzenviertel“ beim Verwaltungsgericht einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gegen die Umbaumaßnahmen gestellt. Ist der Antrag erfolgreich, könnte in der Susannenstraße unter Umständen jegliche Außengastronomie untersagt werden. „Die Straße soll lebendig bleiben, aber kein neuer Kiez werden“, sagt Buggenum.

Die Initiative fordert vom Bezirksamt strenge Maßnahmen: Reduzierung der Außengastronomieflächen, Änderungen der Öffnungszeiten für Kioske, leicht überprüfbare Lärmschutzauflagen. „Der Lärmpegel war schon vor dem Umbau zu hoch“, sagt Susan Beermann von der Anwohnerinitiative. Ihre Kollegin Bettina Hoppmann ermittelte bei einer selbstständig durchgeführten Messung an der Susannenstraße im vergangenen Jahr einen überhöhten Lärmpegel von bis zu 20 Dezibel über dem erlaubten Wert. „Obwohl es kalt war und geregnet hat“, sagt Hoppmann.

Seit Beginn des Jahres gelten bereits neue Auflagen für die Gastronomen. „Diese befinden sich aber noch in der Duldungsphase“, sagt Beermann. Wenn alle neuen Außenplätze fertiggestellt sind, müssen über den Lokalen Lärmschutzschirme installiert werden. Und erst dann werden die Außenplätze zur offiziellen Verwendung freigegeben.


Vor diesem Lokal in der Susannenstraße werden die Außenplätze bereits wieder genutzt

Vor diesem Lokal in der Susannenstraße werden die Außenplätze bereits wieder genutzt

Obwohl die Bauarbeiten an vielen Stellen noch nicht abgeschlossen sind, nutzen einige Gastronomen bereits die neuen Plätze auf den dunklen Steinen. „Wir haben die Fläche bezahlt, also verwenden wir sie auch“, sagt ein Mitarbeiter des Geschäftes „Handy Doc“. Die Anwohner seien ihm egal. Im Gegensatz zu dem Besitzer des Cafés „Maraba“, der Verständnis äußert. „Aber es ist halt die Schanze, da ist es laut“, sagt er. Im Schnellimbiss „Bol Kepce“ zwei Häuser weiter sitzen die Gäste bereits an den Tischen auf den noch nicht freigegebenen Außenflächen. Das Ordnungsamt war bereits da, doch die Auflagen werden einfach ignoriert.

Die Mitglieder der „Anwohnerinitiative Schanzenviertel“ lassen sich von solchen Haltungen nicht beirren. Sie wollen mit ihrem Engagement vor allem für eine stärkere Wahrnehmung der Besucher für das Viertel sorgen. „Immer mehr Kneipen, weniger Gemüseläden – dieser Weg muss gestoppt werden“, sagt Willi van Buggemann. Seine Stimme wird kämpferisch: „Wir geben unser Viertel nicht auf“.

Henrik Jacobs

Auf den neuen Außenplätzen machen sich die parkenden Autos breit

Auf den neuen Außenplätzen machen sich die parkenden Autos breit


Die Tische und Bänke der Gastronomen dürfen nach dem Ende der Bauarbeiten nur auf den dunklen Flächen stehen. Hier ein Beispiel, wie es nicht aussehen sollte

Die Tische und Bänke der Gastronomen dürfen nach dem Ende der Bauarbeiten nur auf den dunklen Flächen stehen. Hier ein Beispiel, wie es nicht aussehen sollte


Ob dieses Fahrrad die Bauarbeiten überlebt?

Ob dieses Fahrrad die Bauarbeiten überlebt?


An einigen Stellen in der Susannenstraße wird noch gebaut

An einigen Stellen in der Susannenstraße wird noch gebaut

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