Ratsherrn-Brauerei setzt vor Eröffnung auf Dialog mit Nachbarschaft

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Die Baustelle der Ratsherrn-Brauerei im Schanzenviertel (Bilder: H. Angerer)

Die Baustelle der Ratsherrn-Brauerei im Schanzenviertel (Bilder: H. Angerer)

In jedes Fenster fliegt ein Stein: So könnte man das Motto beschreiben, mit dem unliebsame neue Läden im Schanzenviertel häufig „begrüßt“ werden. Um die Bewohner des Viertels schon vor der Eröffnung milde zu stimmen, greift die Ratsherrn-Brauerei, die ab dem Frühjahr 2012 auf dem Gelände der Schanzenhöfe ihren Betrieb aufnimmt, zu besonderen Maßnahmen. In einem vor zwei Wochen versandten Rundbrief an 4.000 Haushalte und Geschäfte im Schanzenviertel lud das Unternehmen alle „zukünftigen Nachbarinnen und Nachbarn“ zu einem Runden Tisch ein. Von den Teilnehmern wollten die Betreiber der Brauerei gerne wissen, „was wir als neuer Handwerksbetrieb anders machen können, um dieses Viertel Hamburgs anders bleiben zu lassen.“

An dem Treffen, das am 25. Oktober stattfand, nahmen nach Angaben der Ratsherrn-Brauerei rund 70 Anwohner vorwiegend aus Privathaushalten teil. Die Sorgen der Anwesenden drehten sich demnach hauptsächlich um mögliche Lärm- und Geruchsbelästigungen. Nach eigenen Angaben konnten die Brauerei-Vertreter bei dem Termin die vorgetragenen Bedenken zerstreuen. Der Betrieb werde unter den strengen Auflagen des Emissionsschutzgesetzes arbeiten, die für innerstädtische Standorte gelten.

Mit dem Treffen wollte die Brauerei nach eigenem Bekunden vor allem „Hallo“ sagen. “Wir wollten das tun, was man auch privat macht, wenn man in eine neue Wohnung zieht: Seine neuen Nachbarn kennen lernen und sich ihnen vorstellen”, sagt Wolfgang Speth, Geschäftsführer der Ratsherrn-Brauerei. Er lege großen Wert darauf, die Belange des Viertels mit in die Planung des Unternehmens einzubeziehen. Die neue Brauerei wolle außerdem nicht zur Touristenattraktion werden, sondern Begegnungsstätte für die Bewohner des Viertels sein.


Baustelle der Ratsherrn-Brauerei in der Lagerstrasse

Baustelle der Ratsherrn-Brauerei in der Lagerstrasse

In dem Einladungsschreiben zum Treffen betont die Ratsherrn-Brauerei zudem, „eine lokale Brauerei für einen regionalen Markt zu sein“. Mit geschätzten 50.000 Hektolitern positioniert sie sich im deutschen Biermarkt im mittleren Segment. Dass hinter dem Neustart der Hamburger Traditionsmarke die potente niedersächsische Nordmann Gruppe mit einem Jahresumsatz von rund 650 Millionen Euro steht, könnte bei einigen Viertelbewohnern aber dennoch für Unmut sorgen.

Das Ratsherrn Pilsener hat in Hamburg eine über 50-jährige Tradition und war einst das meistgetrunkene Bier der Stadt. Durch häufig wechselnde Eigentümer hat die Marke aber stark an Boden verloren. Speth, ehemaliger Geschäftsführer der Brauerei in Jever, will nun mit neuem Geschmack und Design an die alten Erfolge anzuknüpfen.


Das sagen die Menschen, die im Schanzenviertel arbeiten und leben:


Anwohnerin Kathrin Röder

Anwohnerin Kathrin Röder

Kathrin Röder, 35:

„Eigentlich finde ich es ganz nett, dass eine Brauerei im Viertel entsteht. Mich würde der Brauereigeruch nicht stören – ich glaube es gibt andere Gerüche hier, die vordringlicher sind. Von dem Treffen mit der Nachbarschaft habe ich noch nichts gehört. Man ist hier wahrscheinlich etwas vorsichtiger geworden, was kommerzielle Projekte und große Events angeht. Da ist das eine ganz gute Idee, dass man das mitgestalten kann. Ich glaube, da kann man sich von Seiten der Brauerei Ärger ersparen.“


Birgit Ebsen ist Verkäuferin in einem Modehaus im Schanzenviertel

Birgit Ebsen ist Verkäuferin in einem Modehaus im Schanzenviertel

Birgit Ebsen, 41 :

„Ich glaube, die Kontaktaufnahme mit der Nachbarschaft hat hauptsächlich mit der Situation in der Schanze zu tun. Als im Schulterblatt dieser Görtz-Laden aufgemacht hat, da stand ja auch nirgends „Görtz“ drauf, damit die Scheiben nicht sofort eingeworfen werden. Als wäre es ein ganz normaler kleiner Laden und nicht so eine große Kette.
Ich meine, klar sagen die Leute: Es langt langsam. Ich schätze das Schreiben war dazu da, um die Leute zu beruhigen.“


Martin Schmitz findet es gut, dass die Brauerei die Anwohner informiert

Martin Schmitz findet es gut, dass die Brauerei die Anwohner informiert

Martin Schmitz, 30:

„Wenn jetzt hier eine Brauerei entsteht, bedeutet das eine extreme Geruchsbelästigung. Ich find’s nicht so cool, ehrlich gesagt. Wenn ich so ein großes Unternehmen wäre, würde ich die Leute auch vorher fragen: Was wollt ihr? Was kann man machen, damit ihr nicht total dagegen seid? Damit es nicht zu so welchen Sachen kommt wie beim Mövenpick-Hotel, wo drei Jahre lang Polizei vor der Tür stand. Das ist ja auch für mich als Steuerzahler gar nicht uninteressant.“


Kai Schulze, 31:

„Generell ist es schade, wenn immer mehr große Sachen hier in die Schanze kommen und die kleinen Geschäfte verdrängen. Bei allem Neuen, was hier in die Schanze kommt, gibt es halt immer ein bisschen Aufruhr. Aber es ist ja schon mal gut, wenn man sich im Vorhinein mit einem Rundschreiben an alle wendet. Das zeigt ja erst mal, dass die aufeinander zugehen.“


Anwohnerin Barbara Brix

Anwohnerin Barbara Brix

Barbara Brix, 70:

„Ich finde es gut, wenn Gewerbetreibende die Strategie verfolgen, sich mit den Nachbarn und Anwohnern zusammenzusetzen und Bedenken auszuräumen. Ob die Brauerei hier im Viertel akzeptiert werden wird, da hätte ich so meine Zweifel, das muss ich ehrlich sagen. Ich finde erst mal, dass solche mittelständischen Betriebe hier ihren Platz haben müssen, aber das müsste sehr gut abgestimmt sein, mindestens mit den Nachbarn.“


Benjamin Gehrs

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Ein Kommentar zu Ratsherrn-Brauerei setzt vor Eröffnung auf Dialog mit Nachbarschaft

  1. Leon sagt:

    Hm, die Brauerei kam also ganz alleine auf die Idee?

    „… was wir als neuer Handwerksbetrieb anders machen können, um dieses Viertel Hamburgs anders bleiben zu lassen.“

    Nicht noch mehr Gastro einzurichten, was ja eigentlich der versprochene Plan war. Aber auch das Versprechen wurde gleich schon zu Beginn gebrochen.
    Hm.

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